Meine Art zu fotografieren

by | Mar 13, 2018 | Fotografie | 0 comments

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Von all diesen Fotografie-Zitaten passt auf mich am besten Gary Winogrand (NY, 1928-1984): “Ich fotografiere, um herauszufinden, wie etwas aussieht, wenn ich es fotografiert habe.”

Kleine Foto-Ausrüstung für die Urlaubsreise

Kleine Fotoausrüstung für die Urlaubsreise

Makro-Fotografie und Fokus-Stacking im Wohnzimmer-Studio

Makro-Fotografie und Fokus-Stacking im Wohnzimmer-Studio

Meine analogen Kameramodelle: Pouva Start, Werra II, Certo SL100, Praktica MTL3, Exa Ia und Pentacon Six. Die Rolleiflex ist Deko.

Meine analogen Kameramodelle: Pouva Start, Werra II, Certo SL100, Praktica MTL3, Exa Ia, Pentacon Six

Am Anfang bin ich mit Mutters Pouva Start losgezogen. Eine Low-cost Rollfilm-Mittelformat-Kamera aus Freital, bei der das Objektiv herausgedreht werden musste. Das war etwa 1968 und es ging auf Klassenfahrt in den Zoo nach Leipzig. Danach durfte ich manchmal mit einer Werra II “arbeiten”, die sich mein Vater für einen längeren Auslandsaufenthalt von einem Bekannten geliehen hatte. Für jene Zeit ein supermodernes Teil, mit Selbstauslöser und allen Extras. Ich weiß noch, wie ich damit 1971 unseren DDR-Winnetou Gojko Mitic bei Dreharbeiten zu “Tecumseh” in den rumänischen Karpaten fotografierte. Ging so:

– Gojko, kann ich dich mal fotografieren?
– Klar kannst du. (Er lässig schlendernd.)
– Kannst du mal bitte stehen bleiben?
– Nee, muss da und dahin.

Ich also schnell ein paar Schritte voraus, Kamera in Anschlag, Kamera nicht aufgezogen (wie geht das nochmal?), Kamera aufziehen, Kamera in Anschlag – Gojko weg … Irgendwie hatte ich am Ende ein paar Dias (!), wo Gojko mit drauf war. Bis ich raushatte, was da wo und wie einzustellen ist, war dann auch der Film alle. Mit einem einzigen 36er Dia-Positiv-Film von Orwo in der Kamera ging man durchaus mehrmals los. An Ersatz hatte ich natürlich nicht gedacht. Einkauf und Entwicklung waren auch nicht billig damals. Und ich war zehn.

Zu meinem 14. Geburtstag bekam ich eine Certo SL 100 geschenkt. Das war so ein kleiner schwarzer Plastik-Quader mit geriffeltem Auslöser und einer festen 48 mm-Linse, an der nichts einzustellen ging. Aber ein Blitzschuh war dran. An dem Tag unwichtig, weil ich mir meinen ersten Blitz erst Jahre später leistete. Das SL stand wohl für “Schnell-Lade …” und nahm Bezug auf die damals aufkommenden 36x24 mm Kleinbildfilmpatronen (“Schnellladepatronen”), die bis heute Standard sind. Für mich war es die erste “Kompakte”.

Dann kam eine Zwischenzeit, in der ich oft mit einer Penti II geknipst habe. Das war eine geliehene frühe Edelkompakte, bei der bei jeder Auslösung ein Metallstab so lustig nach rechts rausschnippste. Den Stab musste man zum Aufziehen einfach nur wieder reinschieben.

Von dem Geld aus einem Studentenjob kaufte ich mir 1983 meine erste Spiegelreflex, eine Praktica MTL3. Mit Innenlichtmessung und Vorlaufwerk. Sie hatte ein Tessar 50 mm f 1:2.8 Objektiv mit Schraubbajonett von Carl Zeiss Jena.

Jetzt begann ich auch, mich den Grundlagen der Fotografie zuzuwenden und lernte, dass ich bisher eigentlich alles falsch gemacht hatte (was man den meisten Fotos ohnehin ansah).

Für alle, die mit digitaler Fotografie groß geworden sind: Früher musste man einen Film in die (analoge) Kamera einlegen und manuell richtig belichten und fokussieren. Das Resultat sah man erst, nachdem der Film im Fotolabor entwickelt worden war, also bestenfalls Tage später.

Weil Color-Fotopapier in der DDR teuer war und die Entwicklung lange dauerte, wich ich auf Diapositiv aus, denn Farbe musste sein. Man brauchte dann Diaprojektor und Leinwand, wollte man daheim seine Fotos wirkungsvoll vorführen. Möbelrücken, Verdunkelung … was ein Aufwand damals! Heute – Smartphone, klick, guckst du. Tausende Fotos, digital gespeichert. Damals schaffte ich spezielle Kleinmöbel (“Dia-Schränkchen”) für die Archivierung an, in denen bestenfalls wenige Hundert gerahmte, beschriftete und geordnete Dias Platz hatten. Und beim Einrahmen der Dias die Glaubensfrage: Mit oder ohne Glas? Ein nicht ganz billiges Hobby in Vollzeit.

Dann ein kurzer Ausflug in die Videografie. Sie ist mir bis heute suspekt geblieben. Laut, schnell, effektaffin. Oft schlecht gemacht, langweilig. Jedenfalls nichts für eingehendere Befassungen mit Moment, Situation, Motiv, Licht, Schatten, Kontrast, Struktur, Farbe, Linie, Perspektive. Gerne auch Persönlichkeit, Seele, Emotion.

Sollte es stimmen, dass gute Fotografie Zeit braucht, dann bin ich ein schlechter Fotograf. Ich fotografiere selten geplant und gut vorbereitet, dafür oft spontan, aus der Situation heraus, im Vorbeigehen. Jedenfalls schult das den Blick, die Fähigkeit, in der Situation das Motiv zu erkennen. Es zwingt zu der handwerklichen Fertigkeit, die mir bei Gojko noch fehlte. Blinde Beherrschung der Kamera und Konzentration auf die unmittelbare Umgebung.

Travel und Street wären die Label, die ich mir am ehesten ankleben ließe. Ich reise gerne, liebe ferne Länder und tauche gerne mit der Kamera ein in das Getümmel fremder Metropolen. Anfangs eher versucht, schöne Postkartenklischees hinzubekommen, drehe ich heute die Kamera immer öfter um. Mich reizen die Motive, die man normalerweise im Rücken hat, während man touristische Standards ablichtet. Der Blick hinter die Kulissen oder von hinter den Kulissen ist manchmal verblüffend.

Für diesen Teil meiner Fotografie nehme ich oft den Automatik-Modus meiner Kamera. Das ist nicht ehrenrührig. Ich bin immer in Bewegung, meist mit der Familie oder in einer Gruppe, die nicht dauernd auf mich warten will. So gerät manche Aufnahme zum Hüftschuss; ich halte einfach drauf, auch einhändig. Digital macht’s möglich. Schon auf einer Tageswanderung komme ich so auf 100+ Auslösungen. Von einer mehrwöchigen Reise in die Welt bringe ich gerne 100 GB RAW-Material mit nach Hause. Ich las mal von einem Profifotografen, der von einer Südamerika-Fotoreise 25 Bilder mitgebracht haben will. Tja …

Wenn ich alleine unterwegs bin und Zeit mal keine Rolle spielt, dann experimentiere ich natürlich gerne im manuellen Modus. Das ist dann Grundlagenwissen praktisch angewandt – Schärfentiefe, hyperfokale Distanz, Bildkomposition, Linienführung, Licht. Die Fotos sind dann auch ganz okay. Wichtig ist mir der Spaß am Umgang mit der Kamera und das Ergebnis: Technisch gut mit kreativem Anspruch. Dabei bin ich frei von Dogmen, Dos and Don’ts.

Natürlich will ich auch dokumentieren. Allerdings empfinde ich das als schöpferisch einschränkend. Man kommt dann in so einen Generik-Modus und fotografiert, was alle fotografieren. Das kann sich im ersten Moment toll anfühlen: “Guck mal hier, die Pyramiden von Gizeh!”, “Wao, ich auf der Akropolis!”. Spätestens zu Hause finde ich das dann Mist. Ich frage mich: Wo ist hier der fotografische Kick? Und ich stelle fest, dass die Anziehungskraft eines Fotos nichts zu tun hat mit den Meilen, die man dafür geflogen ist. Indes viel mit dem richtigen Blick. Hat man den trainiert, gelingen prickelnde Fotos egal wo man ist.

Ich bin auch in zwei anderen Bereichen gelegentlich aktiv. Einer davon ist Sportfotografie, Spezialdisziplin Eistanz. Meine Tochter betreibt ihn als Leistungssport, und wann immer ich kann, stehe ich bei Wettkämpfen mit der Kamera hinter der Bande. Die Herausforderung ist hier nicht kreativer, sondern technischer Natur. Man arbeitet mit einem sich schnell und unregelmäßig bewegenden Motiv unter oft schlechten, wechselnden Lichtverhältnissen und hat maximal dreieinhalb Minuten Zeit. Solange dauert eine Kür.

Es braucht eine Kamera mit hervorragenden Autofokus-Eigenschaften und lichtstarkem Tele-Zoomobjektiv, eine ruhige Hand und in etwa eine Ahnung vom Ablauf der Kür. Bildfolgemodus ist definitiv Serienaufnahme. Sonstige Einstellungen müssen für jede Halle empirisch ermittelt werden. An der Bande darf nicht geblitzt werden. Dann laufen sie auf und von nun an gilt es, die aktiven Fokuspunkte möglichst genau auf dem Motiv zu halten. So können auch dreieinhalb Minuten sehr lang werden. Ich produziere bis zu 300 Bilder bei einer Kür. Vielleicht zwei Dutzend davon sind nachher brauchbar.

Der zweite Bereich ist Produktfotografie – Table-Top im weitesten Sinne – mit den Spezialgebieten Gewürze und Fokus-Stacking. Im Wohnzimmer meiner Zweitwohnung in Arges sieht es aus wie auf dem Foto-Flohmarkt – überall Stative, Lampen, Blitze, ein großer Fototisch. Mein Ziel ist das perfekte Foto von Pfeffer als Gewürz in seinen botanischen Erscheinungsformen. Vollformatfüllend, effektvoll ins Licht gesetzt, durchgehend scharf und gleichzeitig freigestellt. Für diese Art der Fotografie braucht man definitiv viel Zeit und vor allem Geduld. Das ist fotografische Fummelarbeit – von der Anordnung des winziges Motivs, der richtigen Lichtsetzung und den passenden Einstellungen bis hin zur Verarbeitung der gestaffelt fokussierten Aufnahmeserie aus ca. 20 Einzelbildern in entsprechender Software und zum abschließenden Feinschliff in einer Bildbearbeitung. Klingt verrückt? Ist es auch. Herbstabende fern der Familie können lang sein.

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