Wo abends jemand auf dich wartet
Uwe-Jens Karl Natur frische Luft Gebirge Karpaten Balea Lac Aufbruch Neuanfang Optimismus Ziel Richtung aufrecht

Veränderung zulassen und akzeptieren. Von ganz oben sieht man viel weiter. Hier auf 2000 Meter am Bâlea Lac, Rumänien.

20.07.2022 | Moodboard

Am Anfang war die Einsicht

Vater erzählte manchmal vom Stammtisch. Jahrzehntelang ging er da jeden Mittwoch hin. Während ich ihm zuhörte, hatte ich oft das Gefühl, dass in meinem Leben etwas fehlt. Und ich meine nicht den Kneipengang zur Wochenmitte, sondern diese bodenständige Kontinuität. Die verlässliche Geborgenheit, und sei es die einer Bierrunde mit den immergleichen Zechkumpanen, die sich auch zum Altherrensport treffen, zum Familiengeburtstag und zum Osterfeuer.

Lagerfeuer Freunde Gemütlichkeit Wärme Licht Geborgenheit

Mit Freunden am Lagerfeuer: Für mich der Inbegriff von Dazugehören und Geborgenheit.

‚Dazugehören‘ – ein Maslowsches Bedürfnis der dritten, der sozialen Ebene, ging mir irgendwie ab. Eine Art Ausgleich auf Zeit mag ich im Familiären und Beruflichen gefunden haben. Sicher gefunden habe ich die Einsicht, dass Familie und Beruf endliche Welten sind. Ihre Kennzeichen sind temporäre Zugehörigkeit und finaler Zoff um Besitzstände. Ein Stammtisch, um im Bild zu bleiben, ist eine Institution auf Dauer, die am Leben bleibt, solange ihre Mitglieder es bleiben.

Mobil oder bodenständig

Noch jede Phase meines Lebenslaufes brachte einen dauerhaften Ortswechsel mit sich – Schule, Universität, Militär, erster Dienstort, erste Auslandsphase, zweite Auslandsphase – sechs an der Zahl, wenn ich richtig mitgezählt habe. Phase eins war die längste und dauerte 18 Jahre, bis ich nach dem Abi mein Studium begann. Der Wechsel zur Uni war sowas wie meine initiale Entwurzelung. Eine Zeit, die mein soziales Umfeld immer mehr in Mitleidenschaft zog. Inzwischen zog ich weg und um, gründete Familien wechselte die Jobs, fand neue Kontakte. Geblieben ist einer, der älteste – mein bester Freund seit dem Gymnasium. Die meisten anderen erwiesen sich als weniger belastbar. Interessen überwogen das Interesse. Oder man verlor sich einfach aus den Augen.

Verwurzelt in der Flüchtigkeit

Mein halbes bisheriges Leben war ich unterwegs, meist beruflich. Ein Reisender, dem die Flüchtigkeit seines unsteten sozialen Kontextes lästig wurde: Das jahrzehntelange Hin und Her zwischen Heimat und Fremde, dieses ‚Weder-hier-noch-dort-richtig-dazugehören‘. Da hat man einen tollen Job, verdient gutes Geld, sieht die Welt und sehnt sich doch nach der Konstanz und Vertrautheit einer heimatlichen Bierrunde. Das hier ist kein Plädoyer für den deutschen Stammtisch. Er dient nur als Aufhänger. Es ist vielmehr das abschließende Hinterfragen von fortgesetztem Selbstbetrug á la ‚Der Weg ist das Ziel‘.

Jetzt bin ich da und schaue, was kommt

Als sich, begleitet von derart aphoristischen Ablenkungsmanövern, subakuter Trübsinn einzustellen drohte und im heimatlich-häuslichen Umfeld kein Halt mehr zu finden war, beschloss ich anzukommen. Das muss man sich so vorstellen wie im Albtraum, in dem man einer aussichtslosen Situation dadurch entkommt, dass man einfach aufwacht. ‚Ankommen‘ – die definitive Zäsur meiner jüngeren Biografie. Sie bedeutete nicht nur den formalen Vollzug der ohnehin manifesten familiären Trennung, sondern auch Aufgabe von Heimat oder dessen, was ich dafür hielt. Kurz: Mir wurde klar, dass ich in der Fremde gefunden hatte, was ich daheim vergeblich suchte – ein soziales und familiäres Umfeld. Ich hatte gelernt, dass ‚zu Hause‘ nicht unbedingt da ist, wo man mal sein Haus gebaut hat, sondern dort, wo abends jemand auf einen wartet. Meine zweite Auslandsphase ist damit sowas wie ein Schlussstrich, aber kein Schlusspunkt. Oder, um es mit Oscar Wilde zu sagen:

‚Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut wird, dann ist es nicht das Ende.‘

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