Sonnenaufgang in Kiwengwa

05.04.2018 | Fotografie

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Fotografenglück und -leid liegen heute dicht beieinander in Kiwengwa Sansibar. Wir lernen: Einen Sonnenaufgang fotografieren ist wie einen Sonnenuntergang fotografieren, nur rückwärts. Oder?

Blendend weißer Sand, glasklares Wasser, ausgeprägte Gezeiten und Seegras prägen diesen Strand im Nordosten Sansibars.

Sonnenaufgang fotografieren am Strand von Kiwengwa Sansibar

Fotografenglück in der Morgendämmerung: Eine Dhau mit geblähtem Segel gleitet ins Motiv.

Sonnenaufgang fotografieren am Strand von Kiwengwa Sansibar

In passender Gesellschaft: Fotograf in der Morgendämmerung von Kiwengwa.

Sonnenaufgang fotografieren am Strand von Kiwengwa Sansibar

Morgenflut: Kinder am Strand von Kiwengwa erwarten Fischer mit ihrem Fang.

Mit Kamera im Anschlag stehe ich am Strand von Kiwengwa Sansibar. Neben mir ein Masai mit Smartphone. Als Sandalen trägt er zugeschnittene Mopedreifen. Morgendämmerung über dem Indischen Ozean. Die aufgehende Sonne steht knapp unter dem Horizont. Die Szenerie – noch fahles Grau. Jeden Augenblick musste das Farbspektakel eines Sonnenaufgangs über tropischer See losbrechen. Tagesthema heute: Sonnenaufgang fotografieren.

Ich schieße mich ein, teste Belichtung und manuellen Fokus. Auch der Masai legt an. Dann geht es los. Zuerst entstehen Lichtsäume um die wenigen Wolken am Horizont, so dass sie am sich blau färbenden Himmel plastisch hervortreten. Die Sonne erscheint. Sekundenschnell legt sie ihre glitzernde Lichtspur vom Horizont über den ruhigen Ozean genau auf mich zu. Mein Vordergrundmotiv – eine im seichten Wasser angepflockte Galawa (trad. Auslegerboot), auf dem drei Seevögel sitzen – dümpelt als Schattenriss im Gegenlicht. Die Sonne steigt schnell und steil.

Das Auge am Sucher schmerzt beim Fokussieren gegen das Licht. Mir gelingen ein paar akzeptable Einstellungen. Und dann Fotografenglück: Von links gleitet eine Dhau mit geblähtem Segel genau zwischen Vordergrund und Horizont ins Bild und durch das flimmernde Gegenlicht. Der perfekte Schuss! Sagen wir, fast. Denn: Die Linse war beschlagen. An ihrem 20 Grad kalten Glas aus dem klimatisierten Hotelzimmer war feuchte Morgenluft kondensiert und ich habe es zu spät bemerkt. Den Sonnenaufgang konnte ich abhaken. Morgen dann auf ein Neues und Hoffen auf die Dhau!

Natürlich bin ich am nächsten Morgen mit geputzter Linse wieder da. Die Dhau kommt nicht. Dafür sind Kinder am Strand und Fischer, und ein Masai radelt durch die Szenerie. Ein Masai auf einem Fahrrad am Strand im Morgengrauen – die kognitive Dissonanz an sich. Ich bin so verblüfft, dass ich ganz vergesse ihn zu fotografieren. Später finden wir das Motiv auch bei einem der Künstler, die abends im Hotel ausstellen. Also schon irgendwie besonders so ein Masai-Radler.

Und dann sitzt da noch der Fotografen-Kollege am Strand, ganz ruhig, mit aufgebautem Stativ und langem Glas. Er scheint sowas von eins mit sich und seiner Umgebung, dass ich ihn nicht anspreche. Auf dem Foto aus diskreter Distanz sehe ich einen Menschen in einem kurzen Augenblick absoluter Harmonie mit sich und der Welt.

Wenn man die Location nicht kennt, wird man auf Fotos Sonnenauf- von Sonnenuntergang kaum unterscheiden können. Auch wenn manche da subtile Spektralverschiebungen wahrgenommen haben wollen. In den Tropen kommt hinzu, dass es keine blaue oder goldene Stunde gibt. Der Tag-Nacht-Wechsel vollzieht sich binnen Minuten. Das macht es fotografisch nicht uninteressant, sondern herausfordernd. Man muss auf den Punkt arbeiten.

Die Umgebungsstimmung macht den Unterschied. Sonnenuntergang um halb sieben Uhr abends heißt immer Leute und Bewegung im Umfeld. Touristen, die mit ihren Kompaktknipsen den Horizont anblitzen. Lärmendes Jungvolk beim letzten Ballspiel. Blubbernde Reggaebässe aus einer Strandbar. Mit etwas Pech einstrahlendes Kunstlicht. Sonnenuntergänge sind fotografische Massenware. Und außerdem ist schon wieder ein Urlaubstag vorbei.

Bei Sonnenaufgang um halb sieben Uhr morgens habe ich den Morgen für mich und den Tag noch vor mir. Ich freue mich auf ein gutes Frühstück mit der Familie. Kaum hörbar lässt die Flut den Ozean an den Strand schwappen, wie um die Stille des Morgens nicht zu stören. In der Entfernung nehme ich schemenhaft einige Gestalten wahr. Ansonsten – Ruhe, auch innerlich. Ich sehe später, dass sie sich auf meine Fotos übertragen hat. Die Ruhe macht den Unterschied.

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